Samstag, 10.Dezember 2022

Tierquälerei?! Darum stehen manche Kühe auch im Winter auf der Weide

Warum sind Kühe auch im Winter draußen auf der Weide? 

Wenn die Außentemperaturen sinken und der erste Schnee fällt, ziehen wir uns kuschelig warm an und suchen die Wärme. Doch so, wie wir Menschen uns vor Kälte schützen, scheint es manchen Nutztieren, wie beispielsweise Rindern, nichts auszumachen, auch bei Minusgraden draußen zu sein. Oder wurden sie etwa vom Landwirt draußen auf der Weide vergessen? Weil wir Menschen oft von unserem eigenen Empfinden auf das von Tieren schließen, sind manche von uns beunruhigt und fragen sich, ob es nicht Tierquälerei ist, wenn Kühe ohne Schutz vor der Witterung durch den Schnee stapfen. Müssen wir uns also um das Wohlergehen dieser Kühe sorgen?

Die Antwort gleich vorweg: In der Regel sind die Befürchtungen unbegründet. Denn Rinder kommen draußen in der Regel gut zurecht. Wichtig ist aber, dass der Landwirt ein Auge auf die Tiere hat und ein paar Maßnahmen trifft. Dazu haben wir mit Landwirtin Peggy Käferle gesprochen, die in über zwei Jahrzehnten viele praktische Erfahrungen mit Rindern gemacht hat. Nach ihrer Ausbildung zum Facharbeiter Rind hat sie Agrarwissenschaften mit dem Schwerpunkt Tierproduktion studiert. Fast zwanzig Jahre war sie Geschäftsführerin eines Landwirtschaftsbetriebes, der sich auf die Rinderzucht sowie die Milchproduktion spezialisiert hatte. Heute berät Peggy Käferle Landwirte in betriebswirtschaftlichen Fragen und betreibt mit ihrer Familie daheim eine kleine Landwirtschaft. Auf einer Fläche von insgesamt sechs Hektar wird u.a. Futter für die derzeit drei Rinder angebaut.

 

Rind ist ja nicht gleich Rind. Etwa 100 verschiedene Rassen gibt es weltweit. Kommen denn alle Rassen gleichermaßen damit zurecht, wenn sie im Winter draußen sind?

PK: Grundsätzlich können alle Rinder das ganze Jahr auf der Weide stehen. Voraussetzung ist, dass sie an kaltes Wetter gewöhnt sind. Die Tiere dürfen nicht im Herbst aus einem warmen Stall plötzlich draußen bleiben müssen. Sie sollten dann generell draußen stehen, das heißt, die gesamte Weideperiode. So kann sich ein entsprechendes Winterfell und eine dickere Unterhautfettschicht ausbilden. Diese dienen als Wärmespeicher und Energiereserve.

Generell achten Landwirte aber darauf, dass nur gesunde Tiere und Tiere mit einer guten Konstitution auf der Winterweide stehen.

Bei uns ist es eher unüblich, dass Milchrassen wie Holstein Friesian, die die meisten als die „typischen“ schwarz-weißen Milchkühe kennen, im Winter draußen auf der Weide sind. Das hat vor allem den Grund, dass das tägliche Melken viel umständlicher ist, wenn die Tiere draußen sind. In modernen Ställen, die einen Außenbereich haben, können Milchkühe deshalb immer nach draußen, wann sie wollen. Das Melken findet dann drinnen statt.

Die Winterweidehaltung, oder besser gesagt die Ganzjahresweidehaltung, gibt es in unseren Breitengraden eher bei Mutterkuhherden und Fleischrindern.

 

Bei welchen Temperaturen fühlen sich Rinder auf der Weide am wohlsten?

PK: Rinder sind generell nicht so wärmeliebend wie wir. Sie fühlen sich eher bei kälteren Temperaturen wohl. Über 20 Grad Celsius ist für sie bereits außerhalb des Wohlfühlbereiches. Höhere Temperaturen führen bei den Tieren zu Hitzestress. Die Folgen davon sieht man eher bei Milchkühen, da diese gehalten werden, um eine entsprechende Milchleistung zu erbringen. Wenn es ihnen zu warm ist, geben sie weniger Milch und sie können außerdem Kreislauferkrankungen bekommen. Mastrinder oder Mutterkühe können die Hitze im Sommer eher vertragen als Milchrassen. Allerdings nur, wenn sie Schattenplätze und genug Wasser haben.

Die ideale Wohlfühltemperatur für Rinder liegt laut Experten im Bereich von etwa minus zehn bis plus 20 Grad Celsius. Auch noch niedrigere Temperaturen sind eigentlich kein Problem. Hier muss aber auf eine ausreichende Energieversorgung geachtet werden. Rinder benötigen bei niedrigeren Temperaturen mehr Energie, um Wärme zu erzeugen. Das ist auch bei Kälbern, die im Winter in einem so genannten Kälberiglo stehen, der Fall. Hier sollte der Landwirt dem Kalb mehr Milch anbieten oder bei der Anmischung mit Milchpulver die Pulverkonzentration erhöhen.

 

Was muss der Landwirt darüber hinaus tun, um das Wohlbefinden der Rinder auf der Weide zu fördern?

PK: Ganz wichtig ist ein trockener Standort. Die Tiere müssen die Möglichkeit haben, einen trockenen, möglichst mit viel Stroh eingestreuten Unterstand aufsuchen zu können. Trockene Kälte macht den Tieren überhaupt nichts aus. Da kann es auch zu Temperaturen bis minus 20 Grad Celsius kommen.

Dazu müssen sie natürlich mit ausreichend gutem Futter versorgt werden. Denn sie brauchen ja mehr Energie, um Körperwärme zu erzeugen.

Auf eine gute Versorgung mit Wasser muss natürlich auch geachtet werden. Bei niedrigen Temperaturen können die Tränken gefrieren. Sie müssen dann mindestens zwei Mal am Tag aufgetaut oder mit frischem Wasser ausgetauscht werden.

Die Flächen um die Futter- bzw. Tränkstellen werden, da sich die Tiere hier vermehrt aufhalten, meist mächtig zertreten. Sind diese einfach auf der Weidefläche errichtet, kommt es hier besonders in nassen Zeiten zu matschigen, morastigen Flächen. Diese sind natürlich für das Wohlbefinden der Tiere nicht gut. Stehen die Klauen zu oft und zu lange im Morast (hier ist ja neben nasser Erde auch Kot und Urin mit drin), kann es auch auf der Weide zu Klauenentzündungen und anderen Krankheiten kommen. Besser ist eine befestigte Futter- und Tränkstelle, die dann aber regelmäßig gereinigt werden muss. Oder man wechselt die Futterstelle regelmäßig. Hier hat man dann aber im Frühjahr viele Flächen, wo das Gras erst mal nicht wächst und die mit viel Aufwand wieder hergestellt werden müssen.

Noch mal ganz kurz: Trockene Rückzugsmöglichkeit, gutes und ausreichend Futter, frisches Wasser. Darauf muss unbedingt geachtet werden, wenn Rinder auf der Weide gehalten werden.

 

Können Rinder eigentlich „kalte Hufe“ bekommen? Ab wann kann es zu Erfrierungen kommen?

PK: Kalte „Hufe“ bekommen Rinder nicht. Das Rind hat nämlich Klauen (lacht). Anders als Menschen müssen Rinder keinen speziellen Klauenschutz oder eine Art Schuh tragen. Denn stehen die Klauen im Trockenen, ist die Temperatur egal. Aber: Sie sind empfindlich gegen Feuchtigkeit. Wenn die Tiere ständig in feuchtem Morast stehen, kann es zu Entzündungen und Krankheiten kommen. Stehen die Klauen im Trockenen ist die Temperatur egal.

Nässe in Kombination mit Kälte geht gar nicht. Das heißt allerdings nicht, dass Schnee gefährlich werden kann. Man sieht oft die Kühe im Schnee liegen, das macht ihnen nichts, wenn es richtig kalt ist. Schlechter ist die Übergangszeit, wenn der Schnee taut und alles matschig und feucht ist. Da brauchen wir wieder den eingestreuten und trockenen Unterstand.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 


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