Montag, 7.Juni 2021

Strohwohl = Tierwohl

„Diese Art der Schweinehaltung wird es so in zehn bis 15 Jahren nicht mehr geben“ – Diese Aussage aus einem Gutachten des wissenschaftlichen Beirates für Agrarpolitik aus dem Jahr 2015 sowie die zunehmende Kritik an der konventionellen Schweinemast hat Familie Albersmeier zum Nachdenken gebracht. „Uns ist bewusst geworden, dass die Schweinehaltung wie wir sie bis dato betrieben haben, nicht zukunftsfähig ist. Uns beiden war klar, für uns muss sich was verändern“, erinnert sich Marianne Albersmeier. Zu diesem Zeitpunkt wurden auf dem Hof Albersmeier in Hüttinghausen in der Nähe von Soest (Nordrhein-Westfalen) noch 5.200 Mastschweine auf Vollspaltenboden mit ITW (Initiative Tierwohl) Standard gehalten.

Der erste Gedanke an Bio-Schweine wurde schnell wieder verworfen, da der Biomarkt recht überschaubar ist und es keine Bioferkel in der benötigten Größenordnung gab. „Klar war, wir brauchen ein Konzept, einen Plan, eine Finanzierungsmöglichkeit und einen Abnehmer“, erklärt Marianne Albersmeier. Wie es der Zufall wollte, ergaben sich im Rahmen der Teilnahme an dem Ringelschwanzprojekt der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen erste Kontakte zur Rewe West. Der Lebensmitteleinzelhändler suchte für ein Leuchtturmprojekt nach landwirtschaftlichen Betrieben, die bereit waren auf eine Haltungsform mit Auslauf, mehr Platz und 100 Prozent Stroh umzustellen. Über den Schlachtkonzern Westfleisch haben Klaus und Marianne Albersmeier ein Angebot entwickelt und es wurde ein Fünfjahresvertrag geschlossen, der ihnen eine Abnahme- und Preissicherheit garantiert. 2018 wurde mit dem Umbau im laufenden Betrieb begonnen und 1,5 Millionen Euro investiert. Seit 2019 werden nun wöchentlich ca. 150 Schweine an Rewe geliefert und dort als „Strohwohlschweine“ verkauft. Dieses von Rewe in Kooperation mit Familie Albersmeier gegründete Label ist eine anerkannte und kontrollierte Haltungsform in der Premium Haltungsstufe 4.

Die kleinen Ferkel erhalten sie von dem benachbarten Ferkelerzeuger Spellerberg. In der direkten und engen Zusammenarbeit mit Familie Spellerberg sehen Klaus und Marianne Albersmeier einen großen Mehrwert: „Wir sehen uns wie ein geschlossenes System. Durch den direkten Kontakt kann man ohne große Umwege schnell auf Probleme reagieren“. Seit Januar 2021 werden die Ringelschwänze nicht mehr kupiert.

Ein weiterer Schritt zu mehr Tierwohl lieferte im Jahr 2015 das von Klaus Albersmeier entwickelte „KA-Rondell“ – eine Kombination aus offener Tränke und diversen Beschäftigungsmöglichkeiten für Schweine. 2017 gewann die innovative Erfindung sogar den Jury- und den Publikumspreis „Neuheit des Jahres“ des Deutschen Landwirtschaftsverlags.

Die Umstellung von konventioneller Haltung auf Strohhaltung war nicht einfach. Viele sich in die Länge ziehende Bauanträge, Geld und Geduld waren nötig um das Vorhaben umzusetzen. Klaus Albersmeier betont, dass er diesen schwierigen und langwierigen Weg trotz alldem jederzeit wieder gehen würde: „Wir sind froh und stolz, dass wir uns an dieses Projekt gewagt haben. Diese Art der Tierhaltung begeistert uns einfach. Und dass es so akzeptiert wird von Familie, Freunden und natürlich den Verbrauchern zeigt uns, dass es sich gelohnt hat.“

Außerdem können noch einige Iberico-Schweine, Nolana-Schafe, Alpakas, Esel und Hühner den Hof Albersmeier ihr Zuhause nennen. Die Ibericos leben ganzjährig draußen auf Stroh. Das Fleisch wird von Marianne Albersmeier direkt vermarktet. Ein weiteres Highlight auf dem Hof sind die Alpakas, aus deren Wolle Steppdecken hergestellt werden.

Mit Live-Übertragungen aus dem Stall direkt an die Ladentheke möchten Klaus und Marianne Albersmeier dem Verbraucher möglichst viel Transparenz entgegenbringen. Außerdem bieten sie regelmäßig Hofführungen an – in den aktuellen Zeiten sogar auch digital. Und wenn nicht gerade Corona ist, laden sie interessierte Besucher alle zwei Jahre zu ihrer Benefiz-Veranstaltung „Kultur am Stall“ zugunsten von Afrika-Vereinen ein. Neben verschiedenen Musikgruppen, Chören und kulturellen Darbietungen sowie einem kleinen Erzeugermarkt findet dort ein reger Austausch über die Landwirtschaft statt.
Über 30 Teilnehmer aus dem Vor- und nachgelagerten Bereich vom Steuerbüro über Versicherungen bis hin zum Landhandel und Fütterungstechnik zeigen den zirka 3000 Besuchern bei dieser Gelegenheit, wie viele weitere Betriebe mit einem landwirtschaftlichen Unternehmen zusammenarbeiten.

Ganz neu ist auch die Möglichkeit über die Plattform staybetter.farm einen Platz für Camper zu buchen und 1 – 3 Übernachtungen in der Natur zu erleben und sich auf dem Hof über moderne Landwirtschaft zu informieren.


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