Freitag, 15.Mai 2020

Optimismus als Geschäftsgrundlage

Während sich die einen Landwirte in den letzten Wochen große Sorgen um die Existenz ihres Betriebes machen mussten, weil etwa Saisonarbeitskräfte fehlten, konnten andere fast im Normalbetrieb weiterarbeiten. Zu letzteren gehört mit der Erzeuger-Genossenschaft Neumark ein Landwirtschaftsbetrieb in Mittelthüringen. Doch ganz sorglos ist der Chef Steffen Steinbrück nicht: Die mittel- und langfristigen Nachwirkungen der Corona-Krise beschäftigen ihn und sein Team. Der freie Journalist Paul-Philipp Braun hat Steffen Steinbrück in Neumark besucht und mit ihm über die Arbeit auf dem Betrieb und seine Erwartungen für die nächsten Monate gesprochen.

 

Mit etwa 3.900 Hektar Ackerfläche und 1.600 Milchkühen in eigenen Stallungen ist die Erzeuger-Genossenschaft (EG) Neumark breit aufgestellt. Raps, Zuckerrüben und Getreide wachsen auf den Feldern im Weimarer Land. Mehr als 60 Menschen arbeiten in dem Unternehmen, das sich Anfang der 1990er Jahre aus den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) des Umkreises gegründet hat.

Besonders im Frühjahr bietet das kleine Städtchen Neumark einen hübschen Anblick: Gelbe Rapsfelder wechseln sich mit sattgrünen Wiesen ab, die hügelige, mit kleinen Waldstücken durchsetzte Landschaft bietet ein idyllisches Bild. Die Erzeugergemeinschaft passt gut hinein: Auch im Jahr 2020 wird von hier aus noch die Versorgung mit landwirtschaftlichen Produkten sichergestellt. Steffen Steinbrück ist Vorstand der Erzeuger-Genossenschaft und kämpft bereits seit einigen Jahren mit den Problemen, die der Klimawandel und zum Teil auch der Mensch selbst verursacht hat.

 

Gerade ist es die Corona-Pandemie, die für Steinbrück und sein Team zur Herausforderung werden. Ein Grund: Die ungewissen wirtschaftlichen Langzeitauswirkungen. „Keiner kann heute voraussagen, wie die wirtschaftlichen Verwerfungen sich auf das landwirtschaftliche Geschäft auswirken“, sagt er und berichtet, dass er vor allem wegen der erwartbaren Änderungen beim Milchpreis Sorge habe. Der internationale Markt, der durch Molkereien und Handelsketten auch ganz direkt auf den Thüringer Betrieb Einfluss nimmt, könne sich wegen der Corona-Maßnahmen schnell verändern. „Ich weiß nicht, ob ich in einem halben Jahr meine Milch noch loswerde“, sagt Steffen Steinbrück. Abhängig sei dies unter anderem davon, wie die Pandemie sich weiterentwickele und wie Verbraucher und Händler darauf reagieren würden. Bis Ende Juni sei er jedoch, sagt Steinbrück, noch sicher. Solange gelten die Preisabsprachen mit den Molkereien.

 

Eine andere Herausforderung stellen für Steffen Steinbrück und sein Team der Infektionsschutz und die damit verbundenen Quarantäne-Maßnahmen dar. Eine Schließung des Betriebs wegen möglicher Krankheitsfälle wäre eine Katastrophe. Auch, weil dann niemand die 1.600 Milchkühe versorgen und melken könne. Rechtzeitig habe die Erzeuger-Genossenschaft daher Vorkehrungen getroffen, ihre Mitarbeitenden in feste Schicht-Teams eingeteilt. Abstands- und Infektionsschutzgebote würden überall im Unternehmen streng eingehalten, sagt Steinbrück.

 

Zum Umgang mit der Corona-Pandemie gehört für die Neumärker jedoch auch, dass sie ihr für Mitte Mai geplantes Hoffest absagen mussten. „Wir wollen einfach kein Risiko eingehen. Nicht für uns und nicht für andere“, meint Steffen Steinbrück und fügt hinzu, dass das eigentlich zweijährlich stattfindende Fest 2021 nachgeholt werden soll.  

 

Der Pflanzenbau hingegen ist von jeglichen Corona-Einschränkungen frei. Abstandsregelungen lassen sich hier auch im Arbeitsalltag ohne Probleme umsetzen, der Infektionsschutz wird sichergestellt. Die Herausforderung ist eine andere: Das Wetter lässt sich durch Mundschutz und Desinfektionsmittel nicht beeinflussen, der Regen ist von einer Pandemie-Lage unabhängig. Und das zeigt sich, wenn Steffen Steinbrück über die Ernteerträge der letzten beiden Jahre spricht: Zu trocken seien die gewesen. Sowohl 2018 als auch 2019 seien Jahre mit zu wenig Niederschlag und einer damit verbundenen kleineren Ernte gewesen. Auswirkungen, die sich wegen der Bodenbeschaffenheit bis ins Jahr 2020 ziehen und die den Feldaufgang des Raps´ schwierig machten. „Im Frühjahr wurden die Trockenschäden des letzten Herbsts sichtbar“, erklärt Steffen Steinbrück, „die Bestände brauchen auch dieses Jahr dringend Wasser!“ Dennoch sei er für seine Region mit den Niederschlägen im ersten Quartal zufrieden.

 

Liegen könnte dies auch ein wenig daran, dass Steffen Steinbrück sagt, dass die Menschen in der Landwirtschaft – also auch er – von Grund auf optimistisch sein müssten. Ansonsten hätten sie immer schlechte Laune.

 


© Fotos und Text: Paul-Philipp Braun

 

  

 


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